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MARTIN-LUTHER-GEMEINDE

DARMSTADT

Predigt in vier Standpunkten im Reformationsgottesdienst am 31.10.2017 in der Martinskirche

Pfr. Frank Briesemeister
Anfechtung
Mein Glaube an Gott und mein Vertrauen ins Leben sind für mich bereichernd und wertvoll. Wo ich beides zu spüren bekomme, wird es für mich zum Balsam für die Seele und Lebenselixier für Körper und Geist. Manchmal ist mein Leben schön. Ich nehme das Beglückende in und um mich wahr. Ich fühle mich beschenkt, ich könnte jubeln, ich bin dankbar. Weit öfters ist mein Leben gleichförmig, bisweilen eintönig - Alltag eben. Ich mache mir wenig Gedanken. Das Eine kommt, das Andere geht. Zu anderen Zeiten durchziehen Phasen mein Leben, die mich herausfordern. Situationen der Sorge, Augenblicke des Schwachseins, Konfrontationen mit Schwerem. Leben ist keineswegs einfach. Fragen, Zweifel, tiefe Erschütterung, Schmerzen, Not nehmen Raum ein. Dinge, die das Leben durcheinanderwirbeln und infrage stellen. Martin Luther spricht von Anfechtung. Ein altes Wort, aber was es meint, kennen wir: In Mark und Bein erschüttert sein.  Wie kann ich mit meinem Leben vor Gott bestehen? – war Luthers quälende Frage.  Wie kann mein Leben ein sinnhaftes Ganzes werden, ist das Ringen unserer Zeit. Wohl mir, wenn ich die dunklen Seiten nicht verdränge. Wohl mir, wenn ich sie mir nicht schönrede. Angesichts der Schattenseiten fällt es mir manchmal schwer, Gottes Stimme zu hören und mein Leben zu bejahen. Martin Luthers empfiehlt dazu: „In allem Leiden und aller Anfechtung soll der Mensch zu allererst zu Gott laufen und er soll seine Anfechtung erkennen, als sei sie ihm von Gott zugeschickt, auch wenn sie vom Teufel oder vom Menschen komme.“ (Auslegung der Bußpsalmen, zu Psalm 6, 1517, WA 1, 159, 16ff) Das, was mich bedrängt und bedrückt, ist bei Gott gut aufgehoben. Weil keine Anfechtung außerhalb Gottes ist und sie darum auch nicht größer und stärker ist als Gott. Auch die dunkelste Gottverlassenheit bleibt von Gott umfangen. Der biblische Hiob ist mir da ein Beispiel. In tiefster Qual hat er um Antwort gerungen. Und niemals aufgegeben. In diesem Festhalten an Gott bekomme ich keinen Hinweis nach dem „Warum“ des Leidens und der Widrigkeiten. Die Warum-Frage hat ihren Ort in der Klage - auch gegen Gott, ohne Aussicht auf eineerschöpfende Antwort. Jeder menschliche Versuch einer Antwort oder einer Erklärung helfen im Grunde auch nicht weiter. Es ist ja gerade das Kennzeichen der Anfechtung, dass sie sich „Sinn-los“ anfühlt. Darum sollten wir nicht nach irgendeinem Sinn suchen. Leiden ist genauso wenig eine pädagogische Unternehmung Gottes, wie sich in irgendeinem Krieg oder einer Krankheit eine versteckte Absicht Gottes verstecken könnte, womöglich um den Menschen zurechtzurücken. Leiden hat keinen Sinn, auch keinen höheren, von Gott kommenden Sinn. Aber alles Leiden ist umschlossen. Umschlossen von einer Verheißung wie sie Rainer Maria Rilke zur Sprache bringt: „Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen. Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält“

Pfarrer Manfred Werner
Mut
Mein Stichwort ist Mut. Mut ist es, was mir als erstes bei Martin Luther einfällt.
Damit meine ich nicht den hochstilisierten Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg.
Nach allem, was wir historisch greifen können, war dies damals der übliche Weg mit anderen - gemeint sind Akademiker und Studenten in Wittenberg – in Gespräch zu kommen.
Mut verbinde ich mit Martin Luther: Die freie, offenen Rede. Das klare Wort. Der ungeschminkte Hinweis auf Missstände in der Welt, in der Kirche. „So kann es nicht bleiben“, höre ich ihn, wenn wir Christen die Welt in Verantwortung vor Gott betrachten. „So kann es nicht bleiben“, wenn wir als Christen in der Welt aus Verantwortung vor Gott handeln. Er ist mit seinem Mut, seiner Direktheit oft über das Ziel hinausgeschossen.
Heute – aus historischer Distanz – können wir uns von manchem nur abwenden, was er gesagt hat, nicht nur der Form nach, auch dem Inhalt nach.
Seine Auffassungen zu Krieg, sein Verhältnis zu der Obrigkeit, den Täufern. Nichts davon teile ich.
Und wer mutig ist, ist nicht immer im Recht. Und wer mutig ist, kann trotzdem auch manchmal feige, opportunistisch, ängstlich, überfordert sein.
So auch Luther.
Gleichwohl, mit ihm fängt ein neuer Abschnitt in der 2000jähigen Geschichte unsere Kirche an. Die nicht, wie ich so oft lese, am 31.Oktober 1517 in Wittenberg gegründet wurde, sondern an Pfingsten, wenige Tage nach der Hinrichtung und der Auferstehung unseres Heilandes Jesus Christus.
Unsere Kirche, dh die Menschen, die sie ausmachen, haben in diesen 2000 Jahren ihrer Geschichte viel falsch gemacht. Sehr viel.
Und sie haben auch sehr viel richtig gemacht. Und tun es bis heute.
Voller Erschrecken lese ich jeden Tag die Zeitung.
Ich kann das einfach nicht überlesen, was hier über Gottes gute Schöpfung berichtet wird:
Die höchste Konzentration an Verunreinigung unserer Atmosphäre, unserer Luft in der gesamten Geschichte unseres Planeten. Die höchste Erwärmung in der Menschheitsgeschichte. Das Verschwinden von über 70% aller Insekten, mit all den Folgewirkungen. Die höchsten Rüstungsausgaben jemals; vor denen z.B. die Kriegsausgaben des 30 jährigen Krieges regelrecht lächerlich wirken.
Und gleichzeitig erlebe ich die vielen Gruppen und Initiativen in unserer Kirche, die seit Jahrzehnten sich für die Bewahrung der Schöpfung, für Frieden, für Gerechtigkeit einsetzen.
Sie werden nicht zynisch, nach dem Motto – wir können ja eh nichts machen. Oder verantwortungslos, nach dem Motto – sollen die anderen doch erst einmal anfangen.
Nein, sie handeln innerhalb ihrer Möglichkeiten. Und auch das nenne ich Mut.
Mut nicht dem Zeitgeist aus Wachstum, Wachstum, Wachstum, Konsum, Konsum, Konsum zu folgen.
Sondern mutig zu sagen, was hier verändert, reformiert werden muss.
Und vielleicht ist es das inzwischen Unwichtigste von allem, aber ich bleibe dabei. Ich wünsche mir, dass wir eine Kirche werden. Eine einzige. Für mich ist das die offene Wunde der Reformation, dass wir es in 500 Jahren nicht geschafft haben, zueinander zu finden.
Und was ich mir noch wünsche, sind weiterhin mutige Menschen in unsere Kirche, die sagen was sie denken, die Handeln, was sie für richtig halten aus ihrem Glauben heraus.
Und das braucht Mut. Und Demut. Luther übersetzt den lateinischen Begriff „humilitas“ mit diesem Begriff in unsere Sprache. Demut, das hat nichts mit Unterwerfung oder gar Kadavergehorsam zu tun.
Demut, humilitas, ist die Lebenshaltung der Verbundenheit mit dem, was uns trägt: Die Erde und die Liebe. Humanität leitet sich direkt davon ab.
Mit dieser Lebenshaltung, mit Demut, wird man immer wieder – bildlich gesprochen - den Himmel offen sehen, Liebe und Mitmenschlichkeit spüren.
Und das wünsche ich ihnen, dass Ihnen unsere Kirche dieser Ort wird bzw. bleibt. Dass wir einander immer wieder Heimat füreinander sind, in der uns der Himmel berührt.

Pfr. Uwe Wiegand
Offenheit
Liebe Gemeinde,
„Evangelisch ist nicht so streng wie katholisch“ sagte ein Mitglied meiner Konfirmandengruppe als ich sie fragte, was für sie evangelisch ist. Das ist eine zweischneidige Definition – einerseits steht sie für Offenheit („weniger streng“) andererseits ist sie auch eine Abgrenzung („anders als katholisch“). Ob frühere Konfirmandengenerationen das auch so gesagt hätten? Vermutlich hätten sie eher gestöhnt wegen des großen Lernstoffs und (zu) viel Auswendiglernens. „Offenheit“ als Merkmal des Evangelischen Glaubens wäre ihnen vermutlich kaum in den Sinn gekommen. So manche Geschichten von strengen Vorgängern im Pfarramt, teilweise auch von Züchtigungen habe ich schon von älteren Gemeindegliedern zu hören bekommen. Man kann sich auch fragen, ob die Abgrenzung zur katholischen Konfession zutreffend ist: Der rheinische oder auch rheinhessische Katholizismus gibt sich nicht nur in der Fastnachtszeit lebensfroh und weltoffen.
Dennoch glaube ich, dass im Votum meiner Konfirmanden ein Körnchen Wahrheit steckt und will versuchen, der Offenheit als Merkmal evangelischen Glaubens auf die Spur zu kommen.
Die Kerngedanken der Reformation sind von Offenheit geprägt, weil sie den Glauben öffnen wollen für alle, die dazu gehören wollen. Das „Priestertum aller Gläubigen“, verknüpft mit dem Zugang zur Heiligen Schrift in der Muttersprache weiten die Kirche und öffnen die Gemeinde. Es braucht nicht mehr die Vermittlung durch Fachleute und Klerus, sondern allen soll die Bildung zu teil werden, die sie befähigt, selbst zu glauben oder auch selbst zu zweifeln. Ein sehr moderner Funke wurde hier entzündet, der durch das Feuer der Aufklärung erheblich verstärkt wurde: Evangelisch Sein bedeutet, dass jede Frau und jeder Mann, ja, dass auch jedes Kind Subjekt des eigenen Glaubens ist – und dass es keine Einrichtung braucht, die zwischen Gott und den Menschen vermittelt. Offenheit gehört zu den reformatorischen Kerngedanken, auch wenn dies in den 500 Jahren seit Luthers Anfängen oft verdeckt wurde.
Welche Offenheit ist heute für unseren Glauben wichtig? Wofür wollen wir heute offen sein – und dabei zugleich rückgebunden bleiben an das, was uns trägt? Drei kurze Gedanken dazu:
Wir sind erstens offen für Glauben in einer immer säkulareren Welt. Wir bieten Menschen die Möglichkeit, offen über ihren Glauben nachzudenken, mit uns ins Gespräch zu kommen und Formen des Glaubens kennenzulernen. Wir bieten unsere eigenen Rituale und Symbole an – in der Hoffnung, dass Menschen sie für sich entdecken, sich in Taufe und Abendmahl geborgen fühlen und sich darin immer wieder der Nähe Gottes vergewissern. Zu dieser Offenheit gehört unbedingt auch die Offenheit für Suchende, Fragende und Zweifelnde.
Zweitens sind wir offen für den Dialog in einer multireligiösen Gesellschaft. Das aktuelle Reformationsjubiläum selbst ist ein gutes Beispiel: Viele Veranstaltungen dieses Jahres, besonders in Darmstadt waren ökumenisch angelegt. Wir suchen den Austausch mit unseren katholischen Geschwistern, mit anderen Konfessionen und auch anderen Religionen sowie auch nicht glaubenden Menschen. Wir lernen voneinander im Gespräch, wir kennen uns selbst besser, wenn wir anderen erklären können, woran wir glauben.
Zum dritten sind wir offen für die Mitgestaltung an unserer Gesellschaft. Als evangelische Gemeinden können und wollen wir nicht zufrieden sein mit einem gut belebten Gemeindehaus und vielen Angeboten. Wir sind kein Verein, der dann sein Ziel erfüllt, wenn es im Vereinsheim brummt. Wir bringen uns vielmehr ein in gesellschaftliche Fragen, wir sind beauftragt mitzuwirken an einer menschenfreundlicheren, die Schwachen schützenden Gesellschaft.
Liebe Gemeinde,
Offenheit bedeutet, glaube ich nicht, dass wir alles zulassen – aber es heißt wohl, dass wir Gott viel zutrauen – im Gespräch und im Zusammenwirken mit den Menschen unterschiedlichen Glaubens, mit denen uns diese Welt anvertraut ist.

Pfarrerin Tanja Bergelt
Toleranz
Erfunden haben die Reformatorinnen und Reformatoren die Toleranz nicht. Aber den deutschen Begriff. Das lateinische „tolerantia“ (das bedeutet „geduldiges Ertragen“) gab Martin Luther 1541 das erste Mal mit dem deutschen Lehnwort Toleranz wieder. Allerdings lehnte er Toleranz in unserem heutigen Verständnis ab. Als mittelalterlicher Mensch konnte er sich nicht vorstellen, dass unterschiedliche Wahrheits- und Glaubensvorstellungen nebeneinander bestehen können. So schrieb er Hetzschriften gegen die Bauernaufstände, unterstützte die Verfolgung der Täufer und forderte in höherem Alter zur Vertreibung der Juden auf. Aber ein zentraler Gedanke der Reformation führt zur Toleranz, nämlich der der Rechtfertigung aus Gnade. Wir Menschen sind und bleiben Sünderinnen und Sünder. Gott schenkt uns seine oder ihre Gnade unverdient. Denn Gott liebt alle Menschen gleich. Gott ist geduldig mit uns, wo nach menschlicher Erfahrung jeder Geduldsfaden reißen würde. So fordert Gott uns auf, auch miteinander geduldig zu sein. Uns als unterschiedliche Menschen, die verschieden denken und glauben, anzunehmen und friedlich miteinander zu leben. Toleranz meint heute die Anerkennung des gleichen Rechtes aller Menschen auf freie Entfaltung ihrer Person. Diese Anerkennung kann sich in unterschiedlichen Abstufungen äußern: Als Hinnahme, Duldung, Achtung, Respekt oder Wertschätzung. Die Grenze der Toleranz beginnt dort, wo das Recht auf freie Entfaltung aller Menschen bestritten oder handgreiflich verletzt wird. Wie können wir Toleranz und den Wahrheitsanspruch von Religionen, für uns das Christentum miteinander verbinden? Unsere Erkenntnis der göttlichen Wahrheit ist an unsere Personen gebunden, an unser Bewusstsein dieser Wahrheit. Niemand ist „im Besitz“ der Wahrheit, jeder Mensch hat einen perspektivisch gebrochenen Zugang zu ihr. Die Wahrheit selbst ist uns zugleich zugewendet und entzogen. Und so ist es auch mit Gott, der sich uns erschließt und doch verborgen bleibt. Wir erkennen Gottes Wirken, wir erkennen die göttliche Kraft, und doch übersteigt Gott selbst jedes Verständnis. Das ist heilsam für uns. Wir werden ermutigt, Grenzen unseres Erkennens und unseres Verstehens zu akzeptieren. Und wir können tolerant sein, denn die Sichtweisen anderer Menschen, auch in Konflikten um die Wahrheit, bereichern unser Leben. Dabei dürfen wir unsere eigene Position, die Wahrheit unseres Glaubens, mit Selbstbewusstsein vertreten. Ein Dialog der Verschiedenen gelingt, wenn Klarheit in den jeweils eigenen Überzeugungen besteht. Gehen wir neugierig auf die zu, die anders sind als wir; bemühen wir uns um sie. Die Gespräche mit ihnen machen unser Leben reicher. Sie schärfen unser eigenes Denken und weiten unser Verständnis. Amen.

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Aktuelle Gottesdienste und Termine:

Freitag:
15.12. 17:00 - 20:00 Weihnachtsbude vor der Kirche



16.12. 18:00 Taizé-Andacht, Martinskirche, Elisabeth-Gemeinschaft



17.12. 10:00 Kindergottesdienst im Jugendraum des Martinsstift (2. Stock); Kigo-Team.



17.12. 17:00 Saxophonkonzert, Martinskirche Darmstädter Blecho